Rousseau

Rousseau
 
[ru'so],
 
 1) Henri Julien Félix, genannt le Douanier [lədwa'nje, »der Zöllner«], französischer Maler, * Laval 21. 5. 1844, ✝ Paris 2. 9. 1910; Beamter beim Pariser Stadtzoll; begann um 1880 als Autodidakt in naiv-realistischer Art zu malen, stellte 1885 zum ersten Mal aus und ließ sich 1893 pensionieren, um sich vollständig der Malerei widmen zu können. Seine in ihren Formen sehr vereinfachten Porträts und Landschaften, deren Wiedergabe aller Einzelheiten sich besonders in den Urwaldbildern mit der Vorstellungswelt der Märchen und Träume mischt, sind von eindringlicher, oft poetischer Wirkung. Rousseau übte durch seine Freiheit im Umgang mit der Wirklichkeit einen erheblichen Einfluss auf moderne Künstler aus.
 
Werke: Ich: Porträtlandschaft (1889-90; Prag, Národní Galerie); Der Krieg (1894; Paris, Musée d'Orsay); Die schlafende Zigeunerin (1897; New York, Museum of Modern Art); Die Ballspieler (1908; New York, Guggenheim Museum); Die Muse inspiriert den Dichter (1909; Moskau, Puschkin-Museum, und Basel, Kunstmuseum); Der Traum (1910; Basel, Kunstmuseum).
 
 
H. Certigny: Le Douanier R. en son temps. Biographie et catalogue raisonné, 2 Bde. (Tokio 1984);
 Eva Müller: H. R. u. die Künstler des Bateau-Lavoir (Diss. Bochum 1993).
 
 2) Jean-Baptiste, französischer Schriftsteller, * Paris 6. 4. 1670, ✝ Genette (bei Brüssel) 17. 3. 1741; wurde 1712 wegen satirischen Gedichte auf Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und auf die Religion für immer aus Frankreich verbannt und hielt sich zunächst in der Schweiz, 1714-17 in Wien, zuletzt in Brüssel auf. Rousseau wurde zu seiner Zeit v. a. wegen seiner klassizistischen, formvollendeten Oden nach dem Vorbild Pindars hoch geschätzt (»Odes, cantates, épigrammes, épîtres et poésies diverses«, 2 Bände, 1723).
 
 3) Jean-Jacques, französisch-schweizerischer Philosoph und Schriftsteller, * Genf 28. 6. 1712, ✝ Ermenonville (bei Senlis) 2. 7. 1778; Sohn eines von Hugenotten abstammenden Uhrmachers und einer Genfer Kalvinistin.
 
 Leben und Werke
 
Rousseau verlebte eine unglückliche Kindheit, floh 1728 nach Annecy zu Madame de Warens (Louise Éléonore de la Tour du Pil, Baronne de Warens, * 1700, ✝ 1762), einer katholisch gewordenen Kalvinistin, die als mütterliche Freundin und Geliebte großen Einfluss auf ihn ausübte und ihn zum Übertritt zur katholischen Kirche veranlasste. Intensive Lektüre und Musikstudien überzeugten ihn, dass er seinen Weg als Schriftsteller und Musiker finden würde. Er ging 1742 nach Paris, nahm Stellungen als Hauslehrer und vorübergehend als Gesandtschaftssekretär in Venedig an; in Paris lernte er D. Diderot und die Enzyklopädisten kennen und lebte in freier (erst 1768 legalisierter) Ehe mit Thérèse Levasseur (*1721, ✝ 1801), deren fünf von ihm stammende Kinder er im Findelhaus aufziehen ließ.
 
Als die Akademie von Dijon die Preisfrage ausschrieb, »ob die Wiederherstellung der Wissenschaften und Künste zur Läuterung der Sitten beigetragen habe«, antwortete Rousseau verneinend mit dem »Discours sur les sciences et les arts« (1750; deutsch »Abhandlung: ob die Wissenschaften etwas zur Läuterung der Sitten beygetragen haben?«). Nach Rousseau ist der Mensch ursprünglich gut. In der nicht entfremdeten Frühzeit der menschlichen Gesellschaft waren soziale Differenzierung und damit verbundene Konkurrenz, Feindschaft und Neid unbekannt. Der Aufschwung der Künste und Wissenschaften hat jedoch zum sittlichen Niedergang der Gesellschaft geführt. Die durch ihre Kulturverneinung einflussreich gewordene Schrift will kein »Zurück zur Natur« (diese Wendung tritt bei Rousseau nicht auf), sondern mündet in die Mahnung, durch Erinnerung an die jenem Urzustand zugeschriebenen Werte (Freiheit, Unschuld, Tugend) die gegenwärtigen Verhältnisse vor noch Schlimmerem zu bewahren. Die preisgekrönte Schrift machte Rousseau berühmt.
 
Rousseau begann früh zu komponieren; er verfasste für die »Encyclopédie« 1748-50 einen Teil der Artikel zur Musik (die er zu einem »Dictionnaire de musique« umarbeitete, 1767). Mit seinem Singspiel »Le devin du village« (1752), einer Nachahmung der Opera buffa, regte er das französische Singspiel und die Opéra comique, mit dem späteren Monodrama »Pygmalion« (1771), für das er den Text schrieb (Musik von Horace Coignet, * 1735, ✝ 1821), die Melodramen des 18. Jahrhunderts an. 1755 erschien - ebenfalls auf Anregung der Académie von Dijon (aber nach Erscheinen abgelehnt) - sein zweites philosophisches Werk, der »Discours sur l'origine et les fondements de l'inégalité parmi les hommes« (deutsch »Über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen«), eine grundsätzliche Zivilisations-, Geschichts- und Gesellschaftskritik. Rousseau lehnt darin die Vergesellschaftung aber nicht ab, sondern rekonstruiert auf dem Wege einer fiktiv-historischen Darstellung die Entwicklung von einem ersten glücklichen Gesellschaftszustand zur bestehenden Rechtsungleichheit, historisch markiert durch die Entstehung des Privateigentums und die Einführung des Ackerbaus. Folgerichtig begründet er darauf die nunmehr revolutionäre Forderung nach der Wiederherstellung der »natürlichen« Rechtsgleichheit aller.
 
In den folgenden Jahren lebte Rousseau vom Notenabschreiben; er kehrte zum Kalvinismus zurück (1754) und bekannte sich als Bürger von Genf; er überwarf sich mit fast allen Freunden und Gönnern, auch mit Madame d'Épinay - ebenfalls Beschützerin und Geliebte -, die ihm 1756 ein Landhäuschen (Ermitage bei Montmorency) zur Verfügung gestellt hatte. Seelisch und körperlich dem Untergang nahe, fand er Zuflucht in einem am Rand des Parks von Montmorency gelegenen Schlösschen (1758). In diesen Jahren (1756-62) vollendete er seine Hauptwerke. Der Briefroman »Julie ou La Nouvelle Héloise« (Erstausgabe 1761 unter dem Titel »Lettres de deux amants. ..«, 3 Bände, unter dem Titel »Julie. ..« seit 1764; deutsch »Julie oder die neue Heloise«), eine lose komponierte tragische Liebesgeschichte, fand dank seiner gefühlvoll-leidenschaftlichen Darstellung und der eingehenden Schilderungen der Schweizer Natur in Europa große Verbreitung. In »Du contrat social« (1762; deutsch »Der Gesellschaftsvertrag«) setzte Rousseau an die Stelle des einst gepriesenen freien Naturmenschen den politisch mündigen Bürger. Eine legitime politische Ordnung, die alle an das Gesetz bindet und in der jeder Einzelne dennoch so frei ist wie zuvor, ist nach Rousseau nur möglich durch die freiwillige vollkommene Entäußerung des Individuums mit allen seinen Rechten an die Gemeinschaft, die den Gemeinwillen (Volonté générale) repräsentiert. Durch die Bindung aller an das Gesetz, das sie sich selbst gegeben haben, gewinnen sie eine höhere Art von Gleichheit und Freiheit. Das scharfsinnige Werk, im Gegensatz zum absolutistischen Machtstaat stehend und am antiken Ideal der »Polis«, einem kleinen Stadtstaat, orientiert, ist ein Grundbuch der modernen Demokratie. Ebenfalls 1762 erschien das erzählerisch angelegte pädagogische Lehrbuch »Émile ou De l'éducation« (deutsch »Émile, oder über die Erziehung«), in dem er die Entwicklung eines »imaginären Schülers« von der Geburt bis zur Heirat beschreibt. Mit einem damals neuen Eingehen auf die Eigenart des Kindes legt Rousseau erzieherische Grundsätze dar, deren Ideal die freie Entfaltung der Persönlichkeit auf der Grundlage von Natur und Empfindung bildet und deren Verwirklichung im behutsamen Wachsenlassen und Lenken der natürlichen, daher »guten« Fähigkeiten besteht. Das Werk hat die neuzeitlichen Erziehungstheorien grundlegend beeinflusst. Angeschlossen ist die »Profession de foi d'un vicaire savoyard« (deutsch »Glaubensbekenntnis eines savoyischen Vikars«), worin Rousseau an die Stelle des »christlichen« Gottes einen aus der Naturordnung erfahrenen Gott setzt, für die gegenseitige Toleranz der Religionen eintritt und eine aus dem Gefühl des Subjektes hergeleitete Morallehre darlegt.
 
V. a. wegen des in ihnen geforderten dogmenfreien Christentums wurden »Émile« und auch »Du contrat social« von der staatlichen Zensur und vom Erzbischof in Paris, wenig später auch in Genf verboten. Um den Verfolgungen zu entgehen, verbrachte Rousseau seit 1762 mehrere Jahre im Ausland, immer wieder geächtet und verjagt, zunächst in der Schweiz, 1766-67 in England auf Einladung D. Humes. In Paris, wo er seit 1770 wieder lebte, vollendete er seine Memoiren »Les confessions« (herausgegeben 1782; deutsch »Bekenntnisse«), eine in den Tatsachen ungenaue, in der Selbstdeutung wesentliche Darstellung seines Lebens, worin die Schilderungen der Jugend, der Liebes- und Naturidyllen verwoben sind mit gereizten Angriffen gegen echte und vermeintliche Verfolger und mit Zügen empfindsamer Selbststilisierung. Autobiographisch schließen sich die Dialoge »Rousseau juge de Jean-Jacques« (1776, gedruckt 1780) und die beschaulichen »Les rêveries du promeneur solitaire« (herausgegeben 1782; deutsch »Selbstgespräche auf einsamen Spaziergängen«) an. Die letzten Jahre verbrachte Rousseau menschenscheu in Einsamkeit. 1794 wurde sein Sarg in das Panthéon überführt.
 
 Wesensart und Wirkung
 
Rousseau leitete mit seiner Vereinsamung und der Überzeugung, von der Umwelt nicht verstanden zu werden, jedoch in der eigenen Abnormität die Gewähr der Einzigartigkeit sehen zu dürfen, eine Grunderfahrung ganzer Generationen des 19. Jahrhunderts ein. Seine in viele Richtungen auseinander laufenden Ideen sind nur selten originell. Was ihnen die Wirkung sicherte, ist - abgesehen von ihrer schriftstellerischen Kunst - die Rückwendung zur subjektiven Innerlichkeit, sodass auch Abhandlungen über sachliche Themen nicht Vernunfterkenntnisse, sondern persönliches Bekenntnis sind. So sehr Rousseau auch aufklärerische Anschauung und Methode aufgreift (in seinem Begriff vom natürlichen Gutsein des Menschen, in seinem ungeschichtlich konstruierenden Staatsdenken u. a.), hat er doch das aufklärerische Denken mehr noch infrage gestellt und erschüttert, indem er sich gegen den optimistischen Zivilisations- und Fortschrittsglauben wandte, für Innerlichkeit und das subjektive Gefühl eintrat, Wahrheiten an ihrer Fähigkeit maß, subjektiver Erfahrung zu entsprechen und so die jahrhundertealte Rangordnung von Vernunft und Affekt umkehrte. Der emotional-subjektive Ansatz wirkte anregend auf die französische Literatur von der Vor- bis zur Hochromantik, befruchtete den deutschen Sturm und Drang und Gelehrte wie J. G. Herder, den jungen Goethe (»Werther«), Schiller und I. Kant (hauptsächlich seine praktische Philosophie). Im 19. Jahrhundert entwickelte sich dagegen eine lebhafte Rousseau-Kritik, die noch von F. Nietzsche fortgesetzt wurde. Doch haben sich Rousseaus Werke, weit über die Romantik hinaus, bis H. Bergson, M. Proust und ins 20. Jahrhundert hinein als fruchtbar erwiesen, z. B. der Rückzug in die von Gegenwart und Wirklichkeit abgewandte Erinnerung, die Bedeutung der Fantasie und die in den »Rêveries« entdeckte Poesie des Halbbewussten, worin das Ich, traumartig der mechanischen Zeit entzogen, eine vorrationale Existenzgewissheit und Dauer findet.
 
Weitere Werke: Lettre sur la musique françoise (1753); Lettre à d'Alembert sur les spectacles (1758); Un discours sur l'économie politique (1758).
 
Ausgaben: Œuvres complètes, herausgegeben von V. D. Musset-Pathay, 25 Bände (1823-26); Œuvres complètes, herausgegeben von B. Gagnebin u. a., 4 Bände (1959-69); Correspondance complète, herausgegeben von R. A. Leigh, auf zahlreiche Bände berechnet (1965 folgende).
 
 
J. Moreau: J.-J. R. (Paris 1973);
 R. Spaemann: R. Bürger ohne Vaterland (1980);
 I. Fetscher: R.s polit. Philosophie (31981);
 H. G. Gouhier: Les méditations métaphysiques de J.-J. R. (Paris 21984);
 J. Starobinski: R. Eine Welt von Widerständen (a. d. Frz., 1988);
 G. Holmsten: J.-J. R. (Neuausg. 1989);
 K. H. Fischer: J.-J. R. Die soziolog. u. rechtsphilosoph. Grundlagen seines Denkens (1991);
 R. Bolle: J.-J. R. (1995);
 U. Reitemeyer: Perfektibilität gegen Perfektion. R.s Theorie gesellschaftl. Praxis (1996).
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
Rousseau: Über das Kind und seine Erziehung
 
Rousseau und die Präromantik: Natur und Gefühl
 
 4) Pierre Étienne Théodore, französischer Maler, * Paris 15. 4. 1812, ✝ Barbizon 22. 12. 1867; Hauptvertreter der Schule von Barbizon, überwand unter dem Eindruck der holländischen (J. Ruisdael, M. Hobbema) und englischen Landschaftsmaler (J. Constable, R. P. Bonington) die kulissenhafte klassizistische Landschaftsdarstellung und wandte sich der Freilichtmalerei zu. Nachdem er auf vielen Reisen in Frankreich heimatliche Landschaften gemalt hatte, besonders im Wald von Fontainebleau, ließ er sich 1848 endgültig in Barbizon nieder. In seinen Bildern verbinden sich eindringliche Beobachtung der Landschaft mit dem feierlichen Ernst seines Naturempfindens, das Stimmungen der Natur nicht mehr im romantischen Sinn, sondern wirklichkeitsgetreu wiederzugeben trachtete.
 
 
T. R., bearb. v. H. Poussaint, Ausst.-Kat. (Paris 1967).

Universal-Lexikon. 2012.

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